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Auf ein Wort

Wie würden Sie entscheiden?« – Dieser Satz bezieht sich, wie Sie im Anriss gerade gelesen haben, normalerweise auf ethische Fallbeispiele, die zu moralischer Reflexion und angeregter Diskussion anregen sollen. Die Beispiele sind fiktiver Natur, sie spielen mit Möglichkeiten, sie sind mit der Einleitung »was wäre, wenn…?« zu lesen. Was uns als Autoren zunächst amüsiert hat, inzwischen aber nachhaltig schockiert: Egal wie zugespitzt wir die Geschichten formulieren, so finden sich in der Presse stets sehr ähnliche Ereignisse oder Skandale, die tatsächlich wider Erwarten eingetreten sind. Im Netz gibt es das schöne Bonmot: »Orwells 1984 war nicht als Blaupause für die Wirklichkeit gedacht«.

»Wie würden Sie entscheiden?« würden wir diesmal gern als Grundsatzfrage stellen. Rufen Sie sich in Erinnerung: Sie sind die Architekten der Informationsgesellschaft, Sie stellen die Bauelemente der Turing’schen Galaxis her, Sie riefen die informationstechnischen Geister, die wir nun nicht mehr los werden (können oder wollen). Würden Sie sich noch einmal so entscheiden und beispielsweise Software programmieren?

Die jung und verspielt wirkende Informatik ist längst erwachsen geworden – und doch handeln viele ihrer Vertreter wie digital Naive, da hilft es auch nichts, dass in Sonntagsreden und Nachrufen auf Informatikpioniere immer wieder auf die Verantwortung des Technikwissenschaftlers hingewiesen wird. Das Erschreckende hierbei: Bereits vor dreißig Jahren warnten weitsichtige Informatiker wie Klaus Brunnstein, Joseph Weizenbaum oder Andreas Pfitzmann vor den nun zu beobachteten Fehlentwicklungen der Informatik. »Big Data« degradiert die Wissenschaft Informatik zu einer Korrelationssuchmaschine; »Biometrie« weist dem inkommensurablen Menschen plötzlich eine Prozentzahl zu; die als »Robotik« getarnte Kriegsbegeisterung ist einfach nur noch erschreckend. Doch nicht nur das Individuum, auch die offene Gesellschaft wird massiv mit Hilfe von informationstechnischen Systemen angegriffen, beispielsweise durch die vollständige Unterminierung der Mündigkeit des Nutzers, der schon längst Benutzter ist. Nicht zuletzt sollte auf die Beihilfe zu Drohnen-Morden hingewiesen werden, etwa durch Bilderkennungsalgorithmen oder unfreiwillig bereitgestellte Verkehrs- und andere Log-Daten, die als Zielkoordinaten dienen können.

Versuchen Sie, wenn es Ihnen möglich ist, diese Zeilen nicht als kulturkritische Verfallsgeschichte oder Technophobie zu lesen, sondern als erneuten Anreiz, Ihr eigenes Handeln zu hinterfragen. Insofern sind die üblicherweise an dieser Stelle gedruckten Fallbeispiele bequemer, weil Sie die aufgeworfenen Probleme aus sicherer Distanz betrachten können. Doch es sind nun einmal Techniker wie Sie, die Stück für Stück dazu beitragen, die Welt im Wortsinn berechenbarer zu gestalten, sei es als Nutzer oder insbesondere als Entwickler informationstechnischer Systeme.

Fragen an Sie als Nutzer informationstechnischer Systeme

  • Ist Ihr (Arbeits-)Gerät sozial verträglich hergestellt?
  • Haben Sie in den Quelltext der von Ihnen verwendeten Software geschaut?
  • Geben Sie URLs direkt ein oder suchen Sie in einer Suchmaschine (oder Omnibox) danach?
  • Kennen Sie den Stromverbrauch eines kleineren Rechenzentrums?
  • Haben Sie von Ihrem Gewährleistungsrecht auf integre und vertrauliche informationstechnische Systeme Gebrauch gemacht?

Fragen an Sie als Entwickler

  • Trägt die von Ihnen entwickelte Systemkomponente dazu bei, dass Menschen zu Schaden kommen?
  • Haben Sie die obige Frage ehrlich beantwortet?
  • Wie können Sie Ihre Aussage belegen?
  • Finden Sie, dass dieser Text zu undifferenziert ist?
  • Wenn Sie sich nicht angesprochen fühlen, warum ärgert Sie dieser Text?

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