Fallbeispiel: Das Assoziationsmodul

Antonia hat Computerlinguistik studiert und vor einem Jahr ihre Dissertation im Bereich maschineller Übersetzung abgeschlossen. Für ihre Arbeit verwendete sie Text, der von einer Spracherkennungssoftware erzeugt wurde. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit bestand in der Erstellung und Implementierung eines Modells, das anhand der Wortwahl positive wie negative Gefühle und Assoziationen erkennen und in der Übersetzung wiederzugeben sollte, was auch recht passabel gelang. Nach einer kleinen Auszeit hat sie dann vor sieben Monaten bei der Firma SpeechTranslate in der Entwicklungsabteilung angefangen.

SpeechTranslate wurde vor vier Jahren als Spin-Off von Antonias Doktorvater gegründet. Ein mittlerweile 14-köpfiges Team unter der Leitung ihrer Kollegin Franziska entwickelt im Auftrag verschiedener Kunden spezialisierte Übersetzungsmodule. Ein weiteres Team arbeitet an der Optimierung von Sprach- und Themenerkennung.

Antonia arbeitet in Franziskas Team daran, die bestehenden Übersetzungsmodule mit Spracherkennungsmodulen zu verbinden. Antonias Aufgabe ist es außerdem, ihr Assoziationsmodul produktreif weiterzuentwickeln und in das Übersetzungsmodul einzubinden.

SmartPhony ist ein neuer Anbieter von Smartphones, die sich laut Werbung durch eine einfache Bedienung auszeichnen. Die große Handelskette Bundle AG entwickelt gerade in Kooperation mit SmartPhony und dem Mobilfunkanbieter Violet einen neuen, innovativen Handyvertrag. Auf den Smartphones sollen spezielle kostenlose Apps vorinstalliert sein, die die Kunden regelmäßig über Sonderangebote und Preisnachlässe bei Unternehmen der Bundle AG informieren. Der Clou des Handyvertrag soll jedoch werden, dass keine Kommunikationskosten anfallen. Die Deinstallation der Bundle-AG-Apps ist zwar schwierig, soll aber dennoch ohne Folgen für den Vertrag möglich sein.

Ursprünglich hatte sich SmartPhoney von SpeechTranslate nur ein Angebot für die Entwicklung einer normalen Spracherkennungsapp für ihre Smartphonepalette erstellen lassen. Als Martin, der schneidige Produktportfoliomanager von SpeechTranslate, in einem ersten Meeting jedoch das Modul zur automatischen Erkennung von Assoziationen und Stimmungen erwähnte, war SmartPhoney gleich begeistert und initiierte, SpeechTranslate einen größeren Auftrag zu geben, der direkt mit dem neuen Handyvertrag in Zusammenhang stehen soll.

Heute findet ein erstes technisches Projektmeeting zwischen SmartPhoney und SpeechTranslate statt. Als großer Kooperationspartner ist auch Peter, ein Produktmanager der Bundle AG zugegen.

Zu Beginn des Meetings stellt Franziska die aktuellen Übersetzungs- sowie Sprachmodule vor und beschreibt deren Funktionalität im Detail. Zu beiden Modulen stellen die Vertreter von SmartPhoney und der Bundle AG einige Fragen. Insbesondere möchten sie wissen, ob es möglich ist, die Spracherkennung dauerhaft im Hintergrund laufen zu lassen und wie viele Ressourcen (Akku, Prozessorauslastung) das benötigen würde. Im Anschluss bitten sie Antonia, ihr Modul vorzustellen, wobei ihr danach sehr viele detaillierte Fragen gestellt werden. Frank, der verantwortliche Produktleiter bei SmartPhoney möchte z. B. wissen, ob es möglich wäre, nach gezielten Begriffen zu filtern und die im Zusammenhang mit diesen Begriffen auftretenden Assoziationen der gesprochenen Sprache zu erkennen und zu speichern. Franziska antwortet sichtlich interessiert, dass dies technisch durchaus möglich sei, dafür aber sicherlich einige zusätzliche Entwicklungen notwendig wären.

Nach den Diskussionen findet eine längere Pause statt. Antonia holt sich etwas Obst aus ihrem Büro, nimmt sich einen Kaffee und geht dann auf den Raucherbalkon. Der ist meistens recht leer und sie möchte nach all den Diskussionen etwas frische Luft schnappen.

Als sie sich an die Wand neben der Balkontür lehnt, hört sie die Stimme Franks, des Vertreters von SmartPhoney. „Peter, warum wolltest Du heute eigentlich mit? Die Marketingfragen hatten wir doch geklärt! Und warum sollte ich so viel über das Assoziationsmodul in Erfahrung bringen?“ Die Antwort folgt prompt: „Das ist noch sehr vertraulich, aber wir möchten gerne herausfinden, wie oft bestimmte Produkte in Telefongesprächen genannt werden – und ob dies in einem positiven oder negativen Kontext geschieht. Wir wollen das nutzen, um die Produktpalette und Preise anzupassen. Auch können wir, wenn wir die Informationen intern weitergeben, vielleicht die Preise von Lieferung und Einkauf drücken. Aber das weißt Du nicht von mir!“ Antonia hört deutlich, wie Frank scharf Luft einzieht, bevor er nach dem Schutz der Privatsphäre der Kunden fragt. Doch Peter wischt den Einwand locker beiseite; erstens würden die Kunden beim Kauf des Smartphones und Abschluss des Vertrages ja einwilligen, dass Daten durch Bundle AG erhoben und gespeichert werden. Zudem steht es den Kunden ja frei, die Apps zu deinstallieren. Außerdem würden die personalisierten Daten ja nur innerhalb der Bundle AG verwendet, wobei die Lieferanten die Daten wahrscheinlich nur in aggregierter Form erhalten sollen.

Erschrocken verlässt Antonia den Balkon und geht leise zurück in den Konferenzsaal. Sie setzt sich auf ihren Stuhl, atmet tief durch und kann trotzdem kaum einen klaren Gedanken fassen. Was sie soeben gehört hat, passt überhaupt nicht in die Firmenphilosohie von SpeechTranslate. Aber sie hat es ja nur per Zufall mitbekommen und kann es jetzt im Meeting wohl kaum ansprechen. Ob Martin ihr später überhaupt glauben würde? Und wenn schon, er hatte ihr schon mehrmals seine Ansicht mitgeteilt, dass man es sich im realen Leben nicht immer aussuchen könne, mit wem man gute Geschäfte macht.

Frage:

  • Ist es vertretbar, eine Anwendungen wie Spracherkennung immer laufen zu lassen?
  • Eine solche Anwendung würde es jemanden, der durch einen Sturz oder eine andere Situation hilflos geworden ist, ermöglichen, einfach nach Hilfe zu rufen, sofern die Software an ein Alarmsystem gekoppelt ist. Wenn die Software dies leisten könnte, wäre es dann ethisch vertretbar, eine permanente Spracherkennung durchzuführen? Wie müsste eine Aufklärung und Einwilligung von Nutzern und nahen Betroffenen aussehen?
  • Im vorliegenden Fall soll die Anwendung kommerziell genutzt werden. Ergeben sich für den Kunden hierdurch Vorteile? Welche? Welche Risiken ergeben sich; ggf. auch für Dritte?
  • Welche Möglichkeiten des Missbrauchs beinhaltet die vorgeschlagene Anwendung?
  • Welche Möglichkeiten hat Antonia, das Wissen, dass sie durch zufälliges Belauschen eines Gespräches erlangt hat, zu verwenden? Welche ethischen Probleme ergeben sich hier?
  • Gibt es eine Verpflichtung von Bundle AG, den geplanten Gebrauch des Projektes offenzulegen? Können Sie sich Kriterien für eine solche Verpflichtung vorstellen?
  • Sollte Antonia das Thema sofort im Meeting ansprechen? Warum oder warum nicht?

Erschienen in Informatik-Spektrum 38(2), 2015, S. 160-162

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