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Fallbeispiel: Drohnenprojekt

Christina Class & Christian R. Kühne

Lennard arbeitet in der IT Abteilung des großen Versandhandels Waseba. Sein Team ist für alle technischen Belange der Logistik des Unternehmens verantwortlich.

Bertram, der Abteilungsleiter der Logistik, ist immer für neue Ideen zu haben und versucht auch mit ungewöhnlichen Ideen, Prozesse zu beschleunigen und Kosten zu sparen. Nachdem er in der Presse immer wieder von Unternehmen gelesen hat, die mit Lieferdrohnen experimentieren wollen, hat er sich etwas näher mit diesem Thema beschäftigt. Auf einer Fachmesse hat er Gelegenheit einen Vortrag des Start-up-Unternehmens DroSta zu besuchen, das sich auf kleine Drohnen spezialisiert. Das Unternehmen ist dabei, eine besonders leichte Drohne zu entwickeln, die mit GPS ausgestattet sehr präzise landen kann. Eine Kamera erlaubt es, während des Fluges auf Hindernisse zu reagieren. In einem Gespräch mit Andi, einem der Gründer von DroSta, erfährt Bertram, dass die Firma ein Unternehmen sucht, mit dem sie zusammen die Drohne für Direktlieferungen von Waren testen kann. Hierfür hat DroSta einige Fördergelder erhalten. Bertram ist von der Idee begeistert und lädt Andi zu einer Teamsitzung ein.

Lennard ist anfangs von der Idee der Zusammenarbeit ebenfalls begeistert. Seine Arbeit verspricht endlich wirklich interessant zu werden, da er viel Neues kennenlernen wird. Weg von der Routine. Während der Sitzung wird er allerdings zunehmend skeptisch. Die Drohne verfügt über ein Funkgerät, über das regelmäßig Bilder an eine zentrale Station („zur Koordination“) gesendet werden sollen. Die Fluggeräte werden zwar gratis zur Verfügung gestellt, die zu verwendende Steuerungssoftware sowie die zentrale Koordinationssoftware soll das Team von Waseba allerdings selber entwickeln. Auf Lennards Nachfragen zu diesem Punkt weicht Andi etwas aus: Ja, sie hätten bereits eine andere Version mit anderen Partnern getestet, aber leider könnten sie weder die Software noch die Testergebnisse zur Verfügung stellen. Bei Problemen könne sein Kollege aber gerne helfen. Nachfragen betreffend Datenschutz und der Verwendung der Bilder spielt Andi als zweitrangig herunter, es sei ja klar, dass man keine Daten sammeln möchte. Als Lennard nach Risiken durch flugtechnische Störungen fragt, ergreift nun auch Bertram das Wort, und überführt die Frage in eine technische Herausforderung für das Team, die nach Kreativität und Geschick verlangt. Lennards Teamkollegen fühlen sich angespornt und beginnen sogleich, über mögliche Störungen zu sprechen.

Am Abend nach dem Meeting findet Lennard im Netz einige Informationen über ein Projekt von DroSta. Er stößt außerdem auf ein paar Veröffentlichungen mit Autoren von DroSta und einem durch das Militär finanzierten Forschungsinstitut – fachlich ist das alles sehr interessant, aber…

Lennards Kollegen sind von dem Projekt alle begeistert und wollen seine vorsichtigen Bedenken gar nicht erst hören. Insbesondere Bertram hofft, bei Erfolg des Projektes einige Kosten einsparen zu können. Bereits nach wenigen Wochen ist die Entwicklungsumgebung weitestgehend eingerichtet, so dass die ersten Testflüge durchgeführt werden können. Die Stimmung ist großartig und die Beteiligten von Tatendrang erfüllt. Als Lennard jedoch eines Morgens die Testdaten auf dem Team-Server anschaut, bemerkt er, dass seine Kollegin Franziska einen Ordner mit Fotodaten eines Testflugs zurückgelassen hat. Ohne nachzudenken wirft er einen Blick auf die Bilder und ist etwas irritiert, als er auf vielen Bildern Franziskas Mann im Gespräch mit einer Frau entdeckt. Hatte Franziska etwa die Drohne verwendet, um ihrem Mann nachzuspionieren? Lennard entschließt sich erst einmal kein Wort darüber fallen zu lassen. Eine Stunde später ist der Ordner verschwunden. Auf dem Nachhauseweg macht sich Lennard Gedanken über den Umgang mit dieser neuen Technik.

Zehn Monate später ist das Projekt in einer Sackgasse. Die Entwickler von Waseba stehen vor einigen Schwierigkeiten, das Gerät autonom fliegen zu lassen. Der technische Ansprechpartner bei DroSta hat die Firma gewechselt und ist nicht mehr greifbar. Das Team ist frustriert und probiert verschiedene Dinge aus. Sie haben noch drei Monate Zeit, eine Lösung zu finden, bevor Bertram das Projekt aus Kostengründen beendet. Heute findet wieder ein Meeting statt, um den aktuellen Stand zu diskutieren. Franziska meldet sich zu Wort, sie hat eine neue Idee, wie das Problem durch Hinzufügen einer weiteren Softwarekomponente gelöst werden könnte. Die Umsetzung ist allerdings recht aufwändig und es ist unklar, ob sie zum Ziel führen wird. Das Team nimmt ihren Vorschlag dankbar auf und Lennard skizziert einen Zeitplan.

Am gleichen Abend erinnert Lennard sich an einen Algorithmus, den er in einem der Paper gelesen hat, der die Synchronisation der einzelnen Elemente der Drohne deutlich verbessert. In der Einleitung zum Paper werden Probleme bei einem instabilen autonomen Flug erwähnt, die so gelöst werden könnten. Er vermutet, dass dies vielleicht auch eine Lösung für ihre Schwierigkeiten sein könnte. Aber irgendwie weiß er nicht, ob er morgen im Büro etwas andeuten soll. Seiner Meinung nach hat das Projekt zu viele offene Fragen in Bezug auf Datenschutz, Sicherheit sowie die spätere Verwendung der von ihnen erstellten Software. Und die Paper hat er ja schließlich in seiner Freizeit und nicht im Rahmen der Arbeit gelesen…

Fragen:

  • Welche Risiken stellen Drohne für die Sicherheit im Sinne der physischen Unversehrtheit der Bürger dar? Wer soll haften, wenn etwas passiert (der Hersteller, die Entwickler, diejenigen, die sie einsetzen)?
  • Wenn Drohnen Bilder machen, die gespeichert und verarbeitet werden, kann dies zu datenschutzrechtlichen Problemen führen, sofern Personen auf diesen Bilden abgebildet sind. Welche möglichen Probleme und Gefahren ergeben sich aus der Technik? Welchen Nutzen könnte die Verarbeitung und Speicherung von Bildern haben? Könnte es sinnvoll sein, die Bilder für andere Zwecke (z. B. Aufklärung von Verbrechen) einzusetzen? Wenn ja, wie ist eine Abgrenzung zur Vorratsdatenspeicherung vorzunehmen?
  • Lennard hat Grund zur Annahme, dass DroSta in der Entwicklung der Drohne mit dem Militär zusammengearbeitet hat. Wie ist dies zu beurteilen? Wo sollen / können die Grenzen für eine Kooperation gezogen werden? Welche Themen wären tabu, wenn man sich einer solchen Zusammenarbeit entziehen möchte? Ist dies überhaupt realisierbar?
  • Lennard hat eine Lösungsidee in der Freizeit. Die Idee basiert auf Informationen, die er sich in der Freizeit angeeignet hat. Ist es Lennards Aufgabe, diese Idee einzubringen? Wem gehören Ideen, die er in der Freizeit hat? Wo würden Sie Grenzen ziehen?
  • Bertram hofft, durch den Einsatz der Drohnen Gelder einsparen zu können. Letzen Endes werden dadurch wohl wieder einige Stellen abgebaut. Wie ist das Verhalten von Entscheidungsträgern zu beurteilen, die versuchen, solche Entwicklungen zu verzögern?

Erschienen in Informatik Spektrum 37(2), 2014, S. 146–148

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