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Fallbeispiel: Open Data

Tobias Preuß & Stefan Ullrich

Hannelore Münkler ist Direktorin des naturwissenschaftlich ausgerichteten Ferdinand-Tönnies-Gymnasiums im ländlichen Randgebiet einer größeren Kleinstadt. Ihre Schule wurde vor kurzem modernisiert, im Frühjahr erst wurde der Abschluss der Arbeiten mit einem Fest gefeiert. Der Unterricht wird nun durch moderne elektronische Whiteboards unterstützt, Schüler der oberen Stufen arbeiten an Tablet-PCs. Diese technische Ausstattung wurde zum Großteil durch das Bundesland finanziert, aber auch das FTG musste seinen Beitrag leisten, so dass sich das Gymnasium aktuell keine weiteren Anschaffungen mehr leisten kann.

Bernd Schwiger, Frau Münklers Nachbar und »persönliche Computer-Hotline«, arbeitet für die Kreisstadt und betreut dort aktuell ein Projekt zum Thema »Open Data«. Dieses hat die Zielstellung, Daten der Verwaltung zu veröffentlichen, um damit Bürgern mehr Einblick, Verständnis und Beteiligung in die Arbeit der Stadt zu ermöglichen. Frau Münkler hat von diesem Projekt in der Lokalzeitung gelesen und sich interessiert weitere Informationen von Herrn Schwiger eingeholt. Dieser gab bereitwillig Auskunft über das Vorhaben.

Das Schuljahr neigt sich dem Ende und Frau Münkler kommt die Idee, dass »Open Data« ein interessantes und aktuelles Thema für die Projektwochen wäre. Von Herrn Schwiger hat sie erfahren, dass sich tolle Applikationen »wie von selbst« entwickeln, wenn man nur die Rohdaten bereitstellt. Frau Münkler weiß sofort, welche Rohdaten bereitgestellt werden können. Ihr fällt ein, dass das Gymnasium die Stundenpläne aller Klassen und die Raumbelegungen aller Gebäude auf der Webseite der Schule veröffentlichen könnte, da diese Daten ohnehin schon digital vorliegen. Außerdem möchte sie die Stundenpläne aller Lehrer bereitstellen, so dass die Schüler wissen, wo sie einen bestimmten Lehrer höchstwahrscheinlich antreffen können.

Die bereitgestellten Daten sollen kontinuierlich und zeitnah aktualisiert werden. In den beiden Projektwochen vor den Sommerferien sollen dann Schüler verschiedener Jahrgangsstufen mit den Rohdaten arbeiten und praktische Anwendungen realisieren. Diese Idee stellt Frau Münkler im Lehrerkollegium vor, und sie trifft auf große Zustimmung. Weiterhin wird vorgeschlagen, auch die Unterrichtsentwürfe für das neue Schuljahr zu veröffentlichen. Angesichts der unmittelbar bevorstehenden Projektwochen, aber auch aus Mangel an alternativen Themen, wird ihr Vorschlag mehrheitlich angenommen. Die Veröffentlichung der Pläne übernimmt das Sekretariat mit Unterstützung von einem der Informatik-Lehrer.

Die ersten Tage der Projektwoche sind regnerisch, was angesichts der Computerarbeit sogar von Vorteil ist. In der Projektwoche entstehen viele unterschiedliche Applikationen. Die Schüler aller Alterstufen beteiligen sich rege und in großer Anzahl. Eine Gruppe erstellt eine Webseite, die die Stundenpläne für jede Klasse anzeigt. Alle Pläne sind über die Webseite durchsuchbar. Viele ältere Schüler besitzen moderne Smartphones und haben zudem Zugriff auf die schuleigenen Tablets. Sie programmieren eine mobile Anwendung, mit der man seinen Stundenplan einsehen oder Lehrer im Gebäude finden kann. Sie erinnert an den Beginn einer Unterrichtstunde und zeigt den kürzesten Weg durch das Gebäude. Dank der vom Kollegium ständig aktualisierten Schuldaten kann man in der Anwendung auch sehen, wann sich ein Lehrer krank gemeldet hat oder auf Weiterbildung ist. Schüler der Informatik-AG verbinden die Stundenzeiten mit den ebenfalls als »Open Data« vorliegenden Verkehrsinformationen des öffentlichen Personennahverkehrs.

Frau Münkler freut sich über den Verlauf und die Ergebnisse der Projektwochen und geht zufrieden in die Sommerferien. Im neuen Schuljahr sollen die umgesetzten Anwendungen beweisen, welchen Nutzen sie für Schüler und Lehrer im Alltag haben.

Das neue Schuljahr beginnt verspielt: Viele Schüler sind oft schon eine Viertelstunde vor Unterrichtsbeginn an der Schule, um eines der Geländespiele auszuprobieren, die im Rahmen der Projektwoche entwickelt wurden. Die neuen Fünftklässler schauen gebannt auf die Whiteboardprojektionen mit den hereinschwebenden Stundenplänen und freuen sich sogar auf Mathematik.

Das neue Schuljahr bringt aber auch einige unangenehme Überraschungen mit sich. Sämtliche im Rahmen der Projektwoche entwickelten Anwendungen sind ganz offiziell für jeden Internetnutzer online verfügbar. Nachdem bekannt wurde, dass einzelne Anwendungen bereits über fünfhundert Mal heruntergeladen wurden, äußern einige Lehrer ihre Bedenken. Sie fühlen sich in ihrem Schulalltag überwacht und befürchten eine Nachverfolgung von Krankheitsmeldungen. Auch Eltern melden sich beim Direktorat. Sie sind empört über die vielen Ausfallstunden, die sie über die Webseite einsehen können. Zudem kritisieren sie die Unterrichtsentwürfe für das neue Schulhalbjahr.

Zu allem Überfluss wird in den nächsten Wochen bekannt, dass sich Schüler in einem Forum im Internet über Schreibfehler in den Entwürfen lustig machen und Lehrer dafür benoten. Auf einer anderen Website werden die Informationen über Ausfallstunden dazu benutzt, Ranglisten zu erstellen. Häufig erkrankte oder verspätete Lehrer bekommen mehr »lazy points« als Lehrer, die ständig anwesend sind.

Frau Münkler ist verzweifelt. Sie ist sich nicht mehr so sicher, ob »Open Data« eine gute Idee für ihre Schule war.

Fragen

  • Wie ist die Bereitstellung von Stundenplänen und Raumbelegungen zu werten? Ist die Veröffentlichung der Schuldaten per se ein ethisches Problem?
  • Inwieweit ist es ethisch bedenklich, die Ausfallstunden bzw. Krankeitsmeldungen öffentlich bekanntzugeben? Einerseits sollen Schüler zeitnah Informationen zu Ausfallstunden bekommen, andererseits sind diese Informationen direkt an die Lehrpersonen gebunden. Würden Sie sich für oder gegen die Veröffentlichung der Daten entscheiden und warum?
  • Sehen Sie weitere potentielle Schwierigkeiten, die durch die Veröffentlichung der Schuldaten entstehen könnten? Können diese vermieden werden? Wenn ja, wie?
  • Darf eine Schulleitung einfach verlangen, dass Lehrpersonen Ihre Unterrichtsentwürfe öffentlich machen?
  • Sehen Sie Gefahren in einer freien Nutzung der Daten? Hat die Schuldirektorin alle Eventualitäten bedacht?
  • Bei »Open Data« handelt es sich in der Regel um anonymisierte Informationen, die nicht auf einzelne Personen zurückzuführen sind. Wie könnte das oben beschriebene System entsprechend abgeändert werden und funktional bleiben?
  • Die entwickelten Anwendungen erlauben eine rein auf Zahlen beruhende Bewertung von Lehrpersonen: Anzahl der Fehlstunden, Anzahl der Rechtschreibfehler in den Entwürfen etc. Wird eine solche Metrik den Lehrpersonen gerecht?

Erschienen in Informatik Spektrum 36(1), 2013, S. 115–116

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