Im Anfang war ein Buch.
Joseph Weizenbaums „Computer Power and Reason“ (Deutsch: Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft) hat Generationen von Informatikern und Studierenden klargemacht, dass es nicht nur um die Machbarkeit programmierter Visionen gehen kann, sondern auch um die Verantwortung der Macher für die Folgen ihres Handelns. Der GI ist es nicht immer leicht gefallen, sich der manchmal hitzigen Debatten über solche Fragen zu stellen, aber letztlich hat 1988 ein von Karl-Heinz Rödiger initiierter und vom Präsidium eingesetzter Arbeitskreis ein Diskussionspapier zur „Informatik und Verantwortung“ vorgelegt.
Der damalige GI-Präsident Roland Vollmar hat diesen Impuls aufgegriffen und in einem denkwürdigen Waldspaziergang um Schloss Dagstuhl herum die Formulierung einer ethischen Grundsatzerklärung für die GI angeregt – dem Vorbild angelsächsischer Berufsorganisationen folgend. Wiederum unter der Leitung von K.-H. Rödiger entstanden in relativ kurzer Zeit die „Ethischen Leitlinien der GI“, die 1994 in einem Abstimmungsprozess von den Mitgliedern mit überwältigender Mehrheit angenommen wurden. In der Folge entstand eine Fachgruppe „Informatik und Ethik“, welche die Leitlinien in der derzeit gültigen Form präzisierte.
Die Forderung der Leitlinien: „Die GI initiiert und fördert interdisziplinäre Diskurse zu ethischen und sozialen Problemen der Informatik“ hat sich die Fachgruppe, nun unter der Leitung von Debora Weber-Wulff, vorgenommen. Dem Vorbild der ACM folgend, wurden hypothetische, aber realistische Fälle entworfen, die als Diskussionsmaterial in der Lehre, aber auch für Berufspraktiker dienen können. Die Fälle decken ein breites Spektrum ab – von problematischen Finanzportalen bis hin zu Plagiaten in Lehre und Forschung.
Eine erste Erprobung des Diskussionsmaterials fand 2006 auf der GI-Jahrestagung in Dresden statt, eine weitere auf der FB8-Tagung „Kontrolle durch Transparenz“ in Berlin, wobei die Fälle in kleinen Gruppen von drei bis sechs Teilnehmern diskutiert wurden. Der Prozess verlief nach einem einfachen Schema. Anfangs waren sich alle Teilnehmer einig, dass es sich um eine „eigentlich ganz klare“ Entscheidungslage handelt. Nachdem diese wechselseitig dargestellt wurde, entwickelten sich schnell komplexe Widersprüche und Meinungsdifferenzen: Die geplante Diskussionszeit reichte oft nicht aus. Immer aber waren die Teilnehmer erstaunt, dass scheinbar klare Ausgangslagen zu differenzierten und differierenden Urteilen führen konnten (die nach hinreichender Aussprache meist zu gemeinsamen Lösungsansätzen führten). Auch in Lehrveranstaltungen hat sich dieses Vorgehen als produktiver Ansatz erwiesen, um die Urteilskraft der Beteiligten zu üben und zu stärken.
Um das Verfahren deutlicher darzustellen, wollen wir in den Informatik-Spektrum-Heften ab August 2009 eine Reihe solcher Fälle zur Diskussion stellen. Die Leser sind aufgefordert, sich jeweils ihr Urteil zu bilden. Spannender wird es auf jeden Fall, wenn sich mehrere Leser über einen Fall unterhalten. Interessierte, die tiefer einsteigen wollen, sind auf die Buchveröffentlichung hingewiesen.

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