Fallbeispiel: Gesunde Neugier?

Rainer Rehak, Debora Weber-Wulff

Kim arbeitet als Programmierer bei dem Konzern PlusMedi. Der Konzern sieht sich an der Schnittstelle zwischen medizinischer Forschung und technisch anspruchsvollen Serviceleistungen wie Laboranalysen von Blut- und Gewebeproben oder das Vermieten großer Laborgeräte. Durch den Forschungsfokus ergeben sich immer wieder Berührungsfelder mit universitärer Forschung, so auch mit der Universität, an der Kim sein Bioinformatikstudium angefangen hatte. Das Studium allerdings brach er ab, weil er nach einem Praktikum bei PlusMedi ein sehr gutes Jobangebot von ihnen bekommen hatte.

Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der PlusMedi kooperiert generell sehr eng mit Kims ehemaliger Universität, u. a. indem sie den Bioinformatik-Studiengang mitfinanziert und ausrüstet. Mit Unterstützung der Firma wurde ein Labor voll ausgestattet, die alljährliche Abschlussfeier wird von der Firma ausgerichtet und den Studierenden werden sehr gut bezahlte Praktika angeboten. Diese Zusammenarbeit wird auch in anderen universitätsinternen Veranstaltungen prominent beworben. Die Universität ist sichtlich stolz auf diese praxisorientierte Verbindung, obwohl Kim nicht der einzige Student ist, der dadurch ohne Abschluss in die Industrie gewechselt ist.

Kim ist nun seit drei Jahren bei PlusMedi und freut sich, täglich Neues dazulernen und anwenden zu können. Auch seinen Vorgesetzten fällt das auf und so steht er kurz vor einer Beförderung zum Projektleiter, mit akzeptablerGehaltserhöhung, versteht sich. Das Timing dafür ist erfreulich gut, weil Kim und sein Freund Alexis gerade eine Eigentumswohnung gekauft haben.

Eines abends arbeitet Kim einmal wieder über die Dämmerung hinaus,was die PlusMedi AG ermöglicht, indem sie keine Kernarbeitszeit vorschreibt. Wie und wann die Aufgaben erledigt werden, können alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen  selbst entscheiden und müssen sich dazu miteinander absprechen. Nur zum täglichen Stand-up-Meeting um 13:37 Uhr muss jeder anwesend sein. Manche seiner Kollegen und Kolleginnen kommen also sehr früh ins Büro und gehen nach acht Stunden Arbeit bereits am frühen Nachmittag nach Hause. Andere kommen erst gegen halb zwei und arbeiten manchmal bis spät in die Nacht, sowie er. Auch seine Chefin Anouk ist so eine Nachteule.

Als er wieder ein gutes Stück im aktuellen Projekt vorangekommen ist und kurz aufatmet, merkt er, dass er sich seit Stunden nicht körperlich bewegt hat. Er blickt kurz aus dem Fenster in den klaren Nachthimmel und steht dann auf. Er streckt sich ausgiebig und läuft dann ein wenig im großen, teilverglasten Gemeinschaftsbüro nebenan umher. Einige der Trennglaswände lassen sich zwischen transparent und milchig umschalten, z. B. wenn man bestimmte Bereiche abtrennen will. Er kommt am Arbeitsplatz von Farouk vorbei, der für den Kundenkontakt zuständig ist.

Farouk hat BWL studiert und Kim kannte ihn schon vor der Arbeit bei PlusMedi aus der AStA Kulturarbeit. Beide mögen schräge Filme und bunte Cocktails, deswegen ist Farouk oft für interessante Filmabende bei Kim und Alexis zu Hause. Alexis kocht meistens und Farouk lobt das Essen teilweise so hoch und vieldeutig, dass Kim manchmal sogar eifersüchtig wird.

Kim blickt sich um, schaltet vorsichtshalber die Scheiben in der Nähe auf Milchglas und setzt sich an Farouks Arbeitsplatz. Es läuft nur ein kitschig bunter Bildschirmschoner, der aber sofort den Blick auf das E-Mail-Programm freigibt, sobald Kim die Maus berührt. Kim ist leicht aufgeregt, denn er wüsste zu gerne, ob Alexis und Farouk hinter seinem Rücken ein intensiveres Verhältnis zueinander pflegen. Er schaut die neuesten E-Mails durch, findet aber nichts Interessantes.

Er horcht kurz auf, aber alles ist ruhig. Er schaut in weitere E-Mail-Ordner und plötzlich springt ihm ein Unterordner ,,Alexis“ ins Auge, der zudem einige ungelesene Mails enthält. Tatsächlich! Kim zittert leicht, als er auf den Ordner klickt, um die E-Mails zwischen Alexis und Farouk zu lesen.

Es sind jedoch gar keine E-Mails von seinem Freund da abgelegt, sondern von einer Firma namens Alexis Shine GmbH, die offenbar Kosmetik herstellt. Kim atmet auf und will gerade wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren, als er bei einer der E-Mails hängenbleibt. Es geht um Blutanalysen für klinische Kosmetikstudien an den Augen lebender Hasen. Kim weiß, dass die PlusMedi auch Blutanalysen durchführt und auswertet, aber er wusste bisher nicht, wer die Kunden im Einzelnen sind. Warum sollte er das auch wissen, er ist schließlich nur für das maschinelle Lernen bei bioinformatischen Problemen zuständig, mehr nicht. Allerdings ist Kim ein ausgesprochener Gegner von Tierversuchen. Er vertieft sich in die Korrespondenz und muss feststellen, dass seine Firma seit Jahren die Analysen für kosmetikrelevante Tierversuche durchführt, die nicht einmal direkt von der Alexis Shine GmbH vorgenommen werden, sondern an eine Drittfirma vergeben ist. Alexis Shine wirbt allerdings gerade damit, dass ihre Kosmetika vegan und tierversuchsfrei sind. Ist das also alles nur Schein? Oder ist es Kims kinoverseuchte Hollywood-Fantasie, die gerade mit ihm durchgeht?

In diesem Moment hört er Anouk den Gang entlangkommen. Dieses Schritttempo ist unverkennbar und nachts sind meistens nur noch sie beide hier. Kim stellt schnell den Bildschirmschoner an, springt auf und rennt zur Milchglas-Steuerung, um die Scheiben wieder transparent zu schalten. Puh, nach einer Schrecksekunde ist die Einstellung durchsichtig, wie zuvor. Er rennt in die Mitte des Büros und lehnt sich betont lässig an eine Scheibe als Anouk gerade um die Ecke kommt. ,,Was machst Du hier?“, fragt Anouk. Kim darauf: ,,Ich suche mein neues Handycover. Ich war heute Nachmittag hier und habe es Farouk gezeigt, ich dachte, ich habe es wieder angelegt, aber jetzt finde ich ihn nicht mehr. Ich hatte gehofft, es hier rumliegen zu sehen.“

Anouk stutzt kurz, denn sie ist sich sicher, dass die Glaswände gerade noch von Milchglas auf klar geschaltet wurden. Was hat Kim wirklich in diesem Teil des Büros zu suchen gehabt? Er sieht ziemlich aufgewühlt aus. Sollte sie ihn deswegen ansprechen?

,,Wollen wir zusammen eine Pause machen und dann zusammen wieder frisch durchstarten?“, fragt sie, und weiter: ,,Ich bin zwar hundemüde, will aber unbedingt noch etwas beenden heute Abend.“ ,,Nein“, antwortet Kim etwas harsch, ,,ich muss jetzt los, vielleicht ein anderes Mal.“ Er muss erst mal seine Gedanken sortieren und überlegen, was er tun soll.

Fragen

  1. Was soll Kim nun tun?
  2. Soll Anouk ihre Wahrnehmung mit Kim diskutieren oder gleich mit ihrem Vorgesetzten sprechen?
  3. Was soll Farouk tun, wenn er am nächsten Tag merkt, dass jemand an seinem E-Mail-Programm war?
  4. Hat Farouk teilweise daran Schuld, dass sein Arbeitsplatz nicht mit einem Passwort geschützt ist?
  5. Ist es verwerflich, einen ungesicherten Arbeitsplatz eines Kollegen oder einer Freundin anzurühren? Ist es ein Unterschied, ob es sich um den Computer einer Kollegin oder eines engen Freundes handelt?
  6. Wie ist die enge Kooperation des PlusMedi-Konzerns mit der Universität zu bewerten?
  7. Ist es eine gute Strategie von PlusMedi, den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen keine Präsenzzeiten vorzugeben?
  8. Sollten sich Informatikerinnen und Informatiker dafür interessieren, für wen sie direkt oder indirekt arbeiten? Ist das bei anderen Berufsgruppen anders?
  9. Kann Kim sich überhaupt anmaßen zu bewerten, worum es in diesen Mails geht, denn er ist ja Informatiker und kein Biologe oder gar Ethiker?
  10. Inwieweit sollten Firmen ihre Angestellten über moralisch relevante Kooperationen informieren?
  11. Hätte Kim Anouk gegenüber ehrlich sein sollen, was er gerade getan hat und warum er so aufgewühlt ist? Welche Konsequenzen kann das haben?
  12. Sind Umstände denkbar, unter denen Kim das Gesehene ignorieren und einfach normal weiterarbeiten sollte als wäre nichts geschehen?
  13. Sollte Kim der IT-Sicherheitsabteilung Verbesserungsvorschläge machen?

Erschienen in Informatik-Spektrum, 39(5), S. 408–409, 2016.

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