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Fallbeispiel: Ein Roboter als Helfer und Wächter im Supermarkt

Gudrun Schiedermeier, Stefan Ullrich

Robert hat Informatik an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen studiert. Schon während seines Masterstudiums hat er sich neben der Programmierung von mobilen Servicerobotern auch mit den ethischen und rechtlichen Aspekten beim Einsatz dieser „Robots“ beschäftigt. Seine Studienkollegin Ina hat sich dagegen immer nur für das aktuell technisch Machbare sowie für die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten von Servicerobotern interessiert. Schon damals war sie von Künstlicher Intelligenz und Machine Learning begeistert. Heute arbeiten beide bei der Firma „RAYS“ (Robots At Your Service). Da sich in Studien kürzlich gezeigt hat, dass die Menschen heute zu Zeiten von Corona humanoiden Servicerobotern aufgeschlossener gegenüberstehen, hat ihr Chef die Idee, RAYS mobilen Serviceroboter „Gustav“ zu einem Helfer und Berater für Kund*innen in großen Supermärkten oder Baumärkten weiterzuentwickeln. Gustav ist ein freundlich aussehender Roboter mit einer glänzenden hellen Oberfläche. Er ist etwa 1,50 m groß und bewegt sich sicher auf Rollen vorwärts, was für einen Supermarkt ausreichend ist. Mit Treppen oder Stufen ist in der Regel nicht zu rechnen. Über eine Web-Oberfläche kann man Gustav mit Kartenmaterial von neuen Räumen versorgen, sodass er sich mit seinem Lokalisierungs- und Navigationsmodul leicht auch in neuen Räumen orientieren und sicher von einem Startpunkt zu einem Ziel gelangen kann. Zudem kann er bereits über Sprache und einfache Gesten mit Menschen kommunizieren. Ziel ist es, Gustav so weiterzuentwickeln, dass er Kund*innen bei der Suche nach einem bestimmten Produkt hilft und sie zu dem Regal mit dem Produkt geleiten kann. Später soll er auch über das Produkt oder mögliche Alternativen beraten können. Ina und Robert stürzen sich begeistert in die Arbeit.

Lange diskutieren sie darüber, wie der neue Berater oder die Beraterin aussehen soll. Soll Gustav sein „männliches“ Aussehen behalten, oder wäre eine weibliche Version für die Kund*innen der Supermärkte vertrauenserweckender? Gerade im Bereich der Sprachassistenzsysteme gibt es ja eher „weibliche“ Hilfe. Letztlich entscheiden sie sich dazu, Gustav in seiner jetzigen Form beizubehalten. Sie wollen außerdem schnell einen robotischen Helfer entwickeln und ausliefern können, da kann nicht auch noch eine neue Außenhülle gegossen werden. Beide sind sich rasch einig, dass Gustav unter keinen Umständen mit Kund*innen zusammenstoßen darf, um jede Verletzungsgefahr auszuschließen. Das scheint auch sichergestellt, da Gustav mit einer Vielzahl an Sensoren – wie Ultraschallsensoren, Kameras und LIDAR – ausgestattet ist, mit denen er Abstände gut bestimmen kann. Um Zusammenstöße zu vermeiden, regt Robert an, dass der Roboter mit Gesten zeigen kann, in welche Richtung er sich bewegen will. Ina meint, vielleicht könnte man später noch andere Sensoren und Hilfsmittel dazu nehmen. Sie hat erst kürzlich in einem Aufsatz gelesen, wie ein Logistik-Roboter entsprechende Zeichen auf den Boden projizieren und damit den geplanten Bewegungsweg anzeigen kann.

Ina plädiert stark dafür, dass Gustav auf dem Weg mit „seiner“ Kundin oder „seinem“ Kunden zu einem bestimmten Regal durchaus andere Kund*innen behindern darf, wenn er denn nur schnell zu seinem Ziel kommt und damit seine Kund*innen bevorzugt. Robert hat Bedenken, er findet das nicht fair. Letztlich gibt er aber in diesem Punkt nach.

Sie kommen gut vorwärts und erste Tests zeigen, dass sich Kund*innen gern von Gustav helfen lassen. Manche Kund*innen fühlen sich etwas belästigt, aber insgesamt kommt der Roboter gut bei der Kundschaft an. Das bringt Ina auf die Idee, Gustav noch für eine zweite Aufgabe einzusetzen. In einem anderen Projekt hat Ina eine Software für Gesichtserkennung erstellt. Sie macht den Vorschlag, Gesichtserkennung auch in diesem Projekt einzusetzen. Robert bemerkt, dass Gesichtserkennung bei Masken oft fehleranfällig ist. Ina meint, das sei kein Problem, sie wollen ja gerade Gesichter ohne Masken erkennen. Sie ist sich sicher, die Software so anpassen zu können, dass Gustav Kund*innen ohne Gesichtsmaske sicher erkennen kann. Sie schlägt weiter vor, dass Gustav diese Kund*innen ermahnt, eine Maske zu tragen und dass beim dritten Verstoß das Betreten des Geschäfts für diese Kund*innen verboten wird. Mit dem Einsatz einer Gesichtserkennung und dem weiteren Vorgehen ist Robert überhaupt nicht einverstanden. Trotzdem trägt Ina ihren Vorschlag dem Chef vor, und der ist sofort begeistert und möchte das unbedingt umsetzen. Robert hat Bedenken, da die Gesichtserkennung nicht im mobilen Gerät, sondern mithilfe des Servers aus Inas anderem Projekt erfolgen soll. Der Chef wendet ein, dass in Supermärkten doch sowieso jede Menge Überwachungskameras eingesetzt werden würden und Kund*innen sich darüber noch nie beschwert hätten. Schließlich will Robert noch wissen, wie sich Gustav gegenüber Kindern ohne Maske verhalten soll. Das sei doch kein Problem, erläutert Ina, das könne man leicht anhand der Körpergröße lösen. Robert spricht noch einen letzten Punkt an, um diesen Teil des Projekts zu verhindern: Wie wolle der Roboter denn Kund*innen nach wiederholtem Vergehen daran hindern, ein Geschäft zu betreten? Auch dieses Argument wischt der Chef vom Tisch. Der Roboter könne ja eine Person vom Wach- oder Sicherheitsdienst herbeirufen, die die Berechtigung hat, Kund*innen am Betreten zu hindern.

Als letzte Maßnahme schlägt Robert schließlich noch vor, dass Gustav Kund*innen ohne Maske ja erst einmal eine Maske anbieten könnte. Erst, wenn diese von den Kund*innen verweigert wird, soll eine Mahnung erfolgen und gegebenenfalls die Kundschaft am Betreten des Geschäfts gehindert werden.

Fragen

  1. Wenn der Roboter Kund*innen auf Produkte oder Angebote bestimmter Firmen aufmerksam macht, ist das rechtlich zulässig?
  2. Darf der Roboter andere bewusst behindern? Wie ist der Einfluss des Roboters dann auf das menschliche Verhalten? Geben die sich dann auch rücksichtsloser?
  3. Ist es sozial vertretbar, zum Erkennen von Kunden ohne Maske Gesichtserkennung einzusetzen?
  4. Kann man Kund*innen ermahnen, weil sie ihre Verantwortung anderen gegenüber in Zeiten einer Pandemie nicht wahrnehmen?
  5. Darf man Kund*innen den Zutritt zum Geschäft verweigern?
  6. Könnte es passieren, dass Kund*innen sich dem Roboter gegenüber aggressiv verhalten, wenn dieser sie behindert oder gar das Betreten des Geschäfts verhindern will?
  7. Soll Robert weiter in dem Projekt mitarbeiten, obwohl er Bedenken gegen die Speicherung der Daten und Verwarnung der Kund*innen hat?

Erschienen im Informatik Spektrum 43 (6), 2020, S. 440–441, doi: https://doi.org/10.1007/s00287-020-01316-w

 

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