Fallbeispiel: Ghostwriter

Rita schaut vom Bildschirm hoch und winkt ihrer alten Schulfreundin Ellen zu. Sie haben sich seit Jahren nicht mehr gesehen, obwohl sie im Gymnasium beste Freundinnen waren und in der gleichen Stadt studierten. Ellen hatte sie per Facebook angesprochen, und heute sind sie zum Abendessen verabredet. Sie wohnen beide nicht mehr ihrer Geburtsstadt.

Rita lebt allein in einer schönen Zwei-Zimmer-Wohnung in der Nähe ihrer Fachhochschule. Ellen ist mit Mann und zwei Kindern aufs Land in ein Reihenhaus gezogen. Nach einer herzlichen Begrüßung sind sie nun Essen gegangen und erzählen sich gegenseitig von den Ereignissen der ganzen vergangenen Jahre. Nachdem Rita berichtet hatte, wie es dazu kam, dass sie vor drei Jahren zur Professorin der Informatik berufen wurde, fragte sie Ellen aus, was diese denn so macht. „Ich hab es, glaub ich, besser. Früher war ich in einer PR-Agentur als Texterin beschäftigt, aber jetzt arbeite ich zu Hause“, antwortet Ellen. „Nun bin ich eine Art Übersetzerin und Lektorin.“ „Für einen Verlag?“ „Nein, ganz selbständig. Ich erstelle Texte nach Spezifikationen. Das ist angenehm, weil ich da genug Zeit für die beiden kleinen Jungs habe, aber trotzdem sehr ordentlich verdiene.“

Rita will es genauer wissen und fragt nach: „Was für Texte sind das denn?“ „Verschiedene“, antwortete Ellen etwas zögerlich, „tatsächlich arbeite ich gerade an einem schon fast hochwissenschaftlichen Text aus deinem Bereich über Cloud Computing mit einem jungen Wissenschaftler zusammen. Die Arbeit hängt allerdings im Wesentlichen an mir. Sehr kleine Auflage, aber recht gut bezahlt. Ich finde das sogar ziemlich spannend – auch wenn ich gar nichts Technisches studiert habe. Aber da ist es gerade gut, dass wir uns treffen. Du kannst mir vielleicht sagen, wie sicher Daten in der Cloud sind. Das scheint mir eine komplizierte Frage zu sein, aber ich finde nichts Genaues darüber, weiß aber auch nicht recht, wo ich suchen könnte. Hast Du vielleicht ein paar Tipps für mich?“ „Ach,“ lachte Rita, „es gibt noch keine wirkliche Sicherheit, deswegen findest Du nichts darüber! Zur Sicherheit lässt sich kaum etwa Seriöses sagen.“

Innerlich fragt sie sich freilich, was Ellen wohl für einen Text schreibt, von dem sie nichts wirklich versteht. In ihr keimt der Verdacht, dass Ellen als eine Art wissenschaftliche Ghostwriterin arbeitet – was Rita nicht unproblematisch findet. Andererseits will sie das nicht aussprechen, denn sie freut sich doch, die alte Freundin wiedergetroffen zu haben. Stattdessen wechselt sie das Thema und fragt nach den Kindern.

Drei Wochen später gießt sich Rita ein Glas norwegischen Orangensaft ein, nimmt die nächste Bachelor-Arbeit vom Stapel und beginnt zu lesen: „Chancen und Herausforderungen der externen Datenlagerung“. Der Text ist richtig flott und lesbar geschrieben, das hatte sie Patrick nicht zugetraut. Er drückt sich sonst recht umständlich aus und ist nicht nur gelegentlich auf der Suche nach den richtigen Wörtern. Überhaupt war sein Sprachschatz eher bescheiden.

Aber hier benutzt er Fachbegriffe völlig korrekt, verbindet sie eloquent und kennt deutlich mehr Verben als „sein“ und „haben“. Als sie das freilich recht kurze Kapitel über Sicherheit liest, es ist nicht einmal ein ganze Seite lang, stolpert sie über die pauschale Bemerkung: „Zur Sicherheit in der Cloud ausgelagerter Daten lässt sich kaum etwa Seriöses sagen.“ Es erinnert sie stark an ihr Gespräch mit Ellen.

Kann es sein, dass die Bachelorarbeit gar nicht von Patrick stammt? Vielleicht ist es ein Plagiat. Sie setzt sich an ihren Computer und googelt ein wenig nach besonders gelungenen Sätzen, findet aber nichts Passendes. Da ihre Schule den Zugang zu einem Plagiatserkennungsprogramm bezahlt, probiert sie auch dieses aus. Ergebnisse gibt es erst am nächsten Tag, und es beruhigt Rita erst einmal, denn es ist recht unergiebig. Das Programm meldet zwar 7% Plagiatsanteil, aber es reagiert bereits auf Sequenzen von vier gleichen Wörtern oder mahnt auch korrekt zitierte Passagen an. Das Ergebnis half also nicht weiter.

Trotzdem will Rita nicht so recht an die sprachliche Verwandlung Patricks glauben. Sollte einer seiner Kommilitonen geholfen haben? Eher unwahrscheinlich – Patrick ist ein Einzelgänger, der sich wenig um sein Studium kümmert, angeblich weil er so viel als Admin in einer kleinen PR-Agentur arbeitet. Überhaupt ist der Zusammenhalt dieses Studienjahrgangs nach ihrer Beobachtung gering. Irgendwie kommt sie wieder auf das Gespräch mit Ellen zurück. Sollte Patrick einen Ghostwriter beauftragt haben, vielleicht aus Ellens Agentur – oder gar eine Ghostwriterin?

Sie überlegt, wie sie weiter vorgehen sollte. Und welche Note soll sie Patrick geben? Sie ist sich ziemlich sicher, dass er den Text nicht selbst geschrieben hat, aber ein Plagiat scheint es nicht zu sein. Etwas anderes kann sie aber auch nicht mit Sicherheit nachweisen. Soll sie Ellen anrufen?

Fragen:

  1. Welchen Handlungsspielraum hat Rita in Bezug auf Patricks Arbeit? Darf sie Patrick einfach verdächtigen? Darf sie ihren Verdacht einfach ignorieren?
  2. Was ist, wenn Patrick tatsächlich die Arbeit erst einmal geschrieben hat und sich nur sprachlich hat helfen lassen? Ab wann ist es keine selbständige Arbeit mehr? Sind solche sprachlichen Hilfestellungen immer explizit anzugeben?
  3. Angenommen, es ist tatsächlich Ellens Arbeit (oder die Arbeit eines anderen Ghostwriters). Was ist daran ethisch problematisch: Ellens Verhalten, Patricks Verhalten oder beides?
  4. Was wäre, wenn Patrick Ellens „sprachliche“ Hilfe explizit erwähnt hätte?
  5. Spielt es eine Rolle, ob Patrick Ellen für diese Hilfe bezahlt hat?
  6. Soll Rita Ellen anrufen? Was ist, wenn Ellen nicht über ihre Arbeit reden will? Oder wenn die Arbeit nicht von Ellen stammt?
  7. Falls Ellen tatsächlich als Ghostwriterin arbeitet, hat sie sich wahrscheinlich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Ist sie ethisch daran gebunden, diese Verpflichtung einzuhalten?

4 Kommentare zu Fallbeispiel: Ghostwriter

  • Martin Krüger

    1) Welche Konsequenz ergäbe sich daraus, dass Rita bei ellen prüft, ob sie die Arbeit geschrieben hat. Keine. Wenn sich der Verdacht nicht bestätigt, dann hat es ja keine nachteiligen Konsequenzen für Patrick. Im Gegenteil, es wird die Leistung eher bestärken.

    2) Eine selbständige Arbeit ist es auf jeden Fall dann nicht mehr, wenn inhaltliche Korrekturen stattfinden. Sobald inhaltliche Korrekturen stattfinden, sollten diese angegeben werden, da es keine Eigenleistung mehr ist. In der Praxis wird man sich dabei wohl auf die wesentlichen Inhalte beschränken.
    Da bei einer wissenschaftlichen Arbeit die sprachliche Ausdruck zwar nicht wesentlich ist, aber auch ein Teil der Fähigkeit desjenigen zeigt, der die Arbeit geschrieben hat, sollte auch das angegeben werden.

    3) Patricks verhalten ist in diesem Falle problematisch, weil er keine Eigenleistung erbracht hat. Ellens Verhalten halte ich nicht für problematisch. Der Verdacht entsteht nicht aus dem Nichts heraus. Sie hat Gründe, warum sie Ellen fragt. Außerdem entsteht kein Schaden. Schlimmer wäre es, wenn Sie die Prüflinge unter Generalverdacht stellt.

    4) In diesem Fall wäre Rita wohl eher nicht drauf gekommen, dass jemand anderes die Arbeit geschrieben hat. Denn Ihr Verdacht begründet sich unter anderem durch den Vergleich anderer Arbeiten, die Patrick geschrieben hat.

    5) Nein

    6) Die Frage ist ja eigentlich: Was würde ich an Ritas Stelle tun? Ich würde vielleicht mit Patrick über die Arbeit sprechen und mir ein paar Stellen, von denen ich denke, dass Sie nicht von ihm sind, erläutern lassen.

    7) Ellen muss nichts Aussagen, solange sie nicht von einer rechtliche Instanz dazu aufgefordert wird. Darf sie Verschwiegenheitspflicht brechen? Zur Beantwortung dieser Frage bin ich rechtlich zu wenig informiert. Wenn sie es darf, ist sie ethisch daran gebunden? Wenn es ein starker Verdacht ist, dann würde ich es an Ellens stelle tun.

  • Anonymous

    Am Ende kann man so etwas wie ghostwriting eigentlich kaum nachweisen. Auch wenn jemand offensichtlich wenig über die eigene Arbeit weiß, ist das doch kein Beweis für Ghostwriting. Er könnte es ja auch einfach vergessen haben. Vielleicht hat er die Abgabe der Arbeit ja zu hart gefeiert.
    Im Gegensatz zu einem Plagiat ist ghostwriting also eigentlich eine ziemlich sichere Sache.

    • stefan

      In der ursprünglichen Version dieses Kommentars fand sich der Verweis auf eine Werbung für Ghostwriting-Dienste. Ghostwriting ist in der Wissenschaft, besonders für Qualifikationsarbeiten, schlicht nicht akzeptabel. Dass Sie als Anbieter solcher Dienstleistungen das Thema gern verharmlosen, ist verständlich, aber nicht minder inakzeptabel. Der Hinweis auf die Nachweisbarkeit von Ghostwriting oder die Beweisbarkeit zeigt, dass die moralische Ebene des Problems nicht verstanden worden ist. Das Schmücken mit fremden Federn erschüttert die Prinzipien der Wissenschaft als Ganzes, unabhängig von der faktischen Feststellung oder etwaigen Konsequenzen.

  • Der geschilderte Fall ist ziemlich interessant, dürfte aber sehr selten vorkommen. An Massenuniversitäten in überfüllten Seminaren und Vorlesungen dürfte es kaum einen „Wiedererkennungswert“ geben, wie hier beschrieben, d.h. die Prüfer kennen ihre Prüflinge nicht in dem Maße als das ein veränderter Schreibstil auffallen dürfte. Ob man es begrüßt oder nicht, professionelles Ghostwriting ist wahrscheinlich die sicherste Methode.

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