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Fallbeispiel: Maschinelle Hausarbeiten

Die Informatik-Dozentin Daniela unterrichtet Information Retrieval und Data Mining an einer Universität. Um ihren Studenten das Ineinandergreifen beider Disziplinen zu demonstrieren, hat sie ein Programm geschrieben, das sie ihren Studenten auf der universitätseigenen Seite zur Verfügung stellt. Die Software ermöglicht es dem Nutzer, mittels einfacher Suchworteingabe Exzerpte inklusive korrekter Quellenangaben aus öffentlich zugänglichen Quellen im Internet zu erstellen. Das Programm übersetzt sogar fremdsprachige Texte aus dem Gebiet der Informatik in ausreichender Qualität. Für die bewusst einfach gehaltene Suchmaske orientiert sie sich am Aussehen gängiger Suchmaschinen.

Da sie weiß, dass das Programm prinzipiell von jedermann im Internet aufrufbar ist, versieht sie die Webseite mit einem kleinen Warnhinweis, dass es sich um ein wissenschaftliches Demonstrationsprogramm handelt. Sie stellt es den Anwender aber frei, es in realen Situationen auszuprobieren, da es die Grenzen aktueller Retrieval-Techniken auf anschauliche Weise illustriert.

Max weiß einfach nicht mehr weiter. In zwei Tagen soll er eine umfangreiche Hausarbeit in seinem Hauptfach Informatik abgeben und hat bisher wenig mehr als Stichwörter zu Papier gebracht. Sein Mitbewohner Jonas bietet ihm an, einen wesentlichen Teil der Recherche zu übernehmen, auch wenn sein Fachgebiet eher in den Geisteswissenschaften liegt. Allerdings beschäftigt er sich in seiner Freizeit häufig mit Computern, so dass ihm die grundlegenden Begriffe von Max‘ Hausarbeit nicht fremd sind.

Nach einigen Stunden Recherchearbeit stößt Jonas auf die Universitäts-Webseite von Daniela. Er gibt die von Max gesammelten Stichwörter in Danielas Programm ein und erhält Exzerpte aus veröffentlichten wissenschaftlichen Papers. Das erleichtert ihm die Arbeit erheblich. Schließlich muß er die fachfremden Texte nun nicht mehr selbst überarbeiten, zumal er viele der verwendeten Begriffe nur oberflächlich kennt. Um sich ein wenig aufzuspielen, verrät er Max nicht, dass die in seinen Augen adäquat zusammengefassten Texte gar nicht von ihm stammen.

Max ist erleichtert. Jonas‘ Zuarbeit bringt ihn ein ganzes Stück voran, so dass er sich mit dem Ziel vor Augen an das Schreiben der Einleitung macht. Nach und nach übernimmt er in den weiteren Text Teile und ganze Passagen aus Jonas‘ Recherche. Er ist dankbar dafür, dass Jonas sogar die Quellen korrekt herausgesucht hat, so dass er hier nicht einmal mehr nachprüfen muss. Dank Jonas‘ Hilfe wird die Hausarbeit fertig und fristgerecht per E-Mail eingereicht.

Wenige Wochen später erhält Max eine E-Mail von seinem Professor, in der er zum persönlichen Gespräch gebeten wird. Generell gefällt dem Gutachter die Arbeit, allerdings sind einige Fragen offen geblieben. So kann sich der Professor nicht erklären, warum die Arbeit in Teilen stilistisch sehr schwankt und Fachtermini unpräzise bzw. falsch verwendet werden, dann aber wieder korrekt auftauchen. Max erkennt, dass die kritisierten Bereiche primär aus Jonas‘ Zuarbeiten stammen. Um die Arbeit letztendlich zu bestehen, muss Max die strittigen Bereiche überarbeiten.

Zuhause angekommen fragt er Jonas nach seinen Quellen für die Nacharbeit. Zerknirscht muss Jonas zugeben, dass er die Papers nicht selbst gelesen oder zusammengefasst, sondern eine spezielle Suchmaschine verwendet habe. Es klärt sich schnell, dass es sich bei der sogenannten Suchmaschine um ein Demonstrationsprogrammm einer Informatik-Dozentin handelt und die Exzerpte von einer Software generiert werden. Max hat weder das Wissen noch die Zeit, eine neue Arbeit zu verfassen, ihm bleibt also nur die Überarbeitung des zusammengeklaubten Papiers.

Fragen

  • Wer ist Autor der mit maschineller Hilfe generierten Exzerpte – der Benutzer, die Programmiererin des Algorithmus oder vielleicht sogar der eigentliche Algorithmus?
  • Müsste das Programm als Quelle angegeben werden?
  • Wie ist die Aufforderung von Daniela zu werten, dass man dieses Programm in realen Situationen »ausprobieren« sollte?
  • Wer zeichnet für die Zusammenfassungen verantwortlich? Max, Jonas oder gar die Programmiererin?
  • Erweckt die Bereitstellung des Werkzeugs auf der Universitätswebseite den Eindruck der Korrektheit der Ergebnisse? Müsste Daniela den Disclaimer an prominenterer Stelle positionieren, um Missverständnisse auszuschließen?
  • Wie verhält sich die Sache, wenn Jonas den Warnhinweis entdeckt und bewusst ignoriert hätte?
  • Handelt es sich bei den Zusammenfassungen der Software um ein Plagiat und hätte der Professor den Text dahingehend besser prüfen müssen?
  • Ist eine so enge Zusammenarbeit mit Jonas selbst ohne den Einsatz der Software problematisch? Immerhin gehören Recherche und Zusammenfassung zu der selbsttätig zu erbringenden Leistung.
  • Wie sieht es mit Jonas aus, hat er sich korrekt verhalten, als er Max den Einsatz des Computerprogramms verschwiegen hat?

Erschienen in Informatik Spektrum 34(2) 2011, 107–108

2 Kommentare zu Fallbeispiel: Maschinelle Hausarbeiten

  • Tex

    und die (richtige) Antwort ist….?

    (eine Aufzählung und Abwägung verschiedener Überlegungen dazu, i.e. eine Diskussion zum Nach/Weiterlesen wäre interessant… z.B. Links zu was Deine Seminarstudenten dazu aufs Papier brachten… mit deren Erlaubnis und Namensnennung natürlich. Übrigens, sollten/müssen alle studentischen Arbeiten, die benotet werden, öffentlich einsehbar (ohne Name, aber mit Note). Gläserne Professoren halt….

    —Tex

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