Archiv

Fallbeispiel: Smarte Armbänder

Constanze Kurz, Stefan Ullrich

Vicky ist in der Technik-Abteilung einer Firma für Gesundheitsbedarf angestellt. Die früher nur aus zehn Leuten bestehende Truppe wurde in den letzten beiden Jahren enorm aufgestockt und das Personal verdreifacht. Dabei ist Vicky Chefin ihres eigenen kleinen Teams aus sechs Mitarbeitern geworden. Sie ist Informatikerin und beschäftigt sich in der Firma zumeist mit der ganz praktischen Umsetzung von Hardware-Lösungen.

Im letzten Jahr hatte ihr Team für eine große Reha-Kette in Armbändern integrierte Chips entwickelt und geliefert, die nun sowohl als Zugangslösung zu Klinik-Räumlichkeiten dienen als auch durch Vibration an die Medikamenteneinnahme erinnern. Vickys Team hatte die Hardware entworfen, die Software und die Integration in die Kliniken der Kette übernahmen andere Firmen-Abteilungen. Die Zusammenarbeit hatte gut funktioniert, das Zeitbudget wurde nur mäßig überschritten.

Ihrem neuen Projekt sieht Vicky gelassen entgegen, da dieselbe Technik weiterverwendet werden kann, die zuvor für die Klinik-Kette entwickelt worden war. Zufälligerweise hatte sie den Deal über einen persönlichen Kontakt mit Ferdinand, einem Pfarrer, sogar selbst an Land gezogen. Der neue Kunde CARE-ful betreibt mehrere kirchliche Schulund Betreuungseinrichtungen. Die Hardware kann zwar nicht als Armband umgesetzt werden, da sich der Auftraggeber dagegen entschieden hatte. Vertreter von CARE-ful und die kirchlichen Kontaktpersonen hatten sich die Klinik-Armbänder zeigen lassen und erbeten, eine andere Lösung vorzuschlagen. Die Kinder würden die Armbänder zu schnell zerstören, hatte Vicky als Begründung gehört.

Das Team, das die Lesetechnik für die Chips in den Gebäuden anbringen und die Software installieren soll, hatte nach einem Besuch von zwei Einrichtungen vorgeschlagen, einfach die Schuluniform der Kinder zu nutzen. Der Leiter des Software-Teams Enrico hatte mit Vicky besprochen, ob man die Chips in den Kragen integrieren könne. Das hatte sie bejaht und die Planungen begonnen.

Vickys Firma war begeistert von der Idee, denn man konnte CARE-ful nun ein Komplettsystem anbieten: neue Schul- und Hortklassen bekämen die standardisierte Kleidung inklusive wasserdicht verschweißtem Chip geliefert, in die bereits getragenen Uniformen würde der Chip im Nachhinein unter dem Kragen angebracht. Eine einfache Idee mit einem Klettverschluss wurde dazu umgesetzt, damit die Sachen waschbar bleiben. Wenn die Eltern den Chip doch mitwaschen sollten, war der Ersatz natürlich lieferbar – gegen Entgelt, versteht sich.

Nicht nur das, mit wenigen Handgriffen sei auch die Barrierefreiheit gewährleistet, was prompt einen weit größeren Auftrag bringt: In den kommenden Jahren würden in allen Gebäuden von CARE-ful barrierefreie Türsysteme installiert, die sich selbständig beim Herannahen eines berechtigten Chips in der Kleidung öffnen. Auch Fahrstühle könnten für Schülerinnen und Schüler mit eingeschränkter Mobilität freigeschaltet werden. Vickys Chefs waren höchst erfreut.

Alles lief recht gut im Plan, einzig die Kommunikation mit der Software-Abteilung von Enrico fand nur punktuell statt. Vicky hatte zuvor noch nie mit Enrico gearbeitet und war irritiert darüber, dass nicht nur er, sondern eigentlich sein ganzes Team sehr abgekapselt arbeiteten. Es wurde wenig kommuniziert, manche E-Mail und manches Ticket im firmeneigenen System blieb einfach unbearbeitet. Andererseits hatte Vicky keine Anhaltspunkte, dass Enricos Team nicht im Zeitplan war. Im Grunde waren ihr weniger Kommunikation und seltene Meetings sogar lieber als zuviel.

Nur sechs Wochen, bevor das neue System an der ersten Schule gestartet werden sollte, erhält Vicky eine merkwürdige Nachricht auf ihrer privaten E-Mailadresse. Sie ist gerade auf dem Sprung nach Hause und hat zuvor noch die ersten der neuen Schuluniformen mit integrierten Chips abgeholt und inspiziert. Gutgelaunt macht sie sich auf denWeg und sieht auf dem Mobiltelefon die Nachricht von Pfarrer Ferdinand. Sie hatten ein privates Treffen für nächste Woche vereinbart, das er nun mit harschen Worten absagt.

Bestürzt ruft Vicky den Pfarrer anderntags an und fragt ihn, was los sei. Mit distanzierter Stimme sagt Ferdinand zu ihr: ,,Dein Vertrauensmissbrauch enttäuscht mich. Ich verweigere meine Zustimmung! Du hättest mir sagen müssen, wenn ihr hinter meinem Rücken ein solches Überwachungsvorhaben baut und den Eltern Zusatzdienste verkauft.“

Vicky ist entgeistert, was meint Ferdinand? Sie beruft ein Meeting ein, das Enrico aber kurzerhand absagt. Man sei im Stress und hätte wenig Zeit für Meetings. Sein Team sei im Zeitplan, alle technischen Schnittstellen wie gewünscht umgesetzt, Enrico sehe keinen Sinn, jetzt alle grundlos aus der Arbeit zu reißen. Enricos Team muss tatsächlich für Meetings immer durch die halbe Stadt reisen, weil die Abteilungen auf verschiedene Standorte verteilt sind.

Vicky kennt Roswita, die jetzt in Enricos Team arbeitet, seit mehreren Jahren und versucht, sie zu kontaktieren. Sie erreicht Roswita erst abends und erfährt zu ihrem Entsetzen erstmals, dass Enricos Team an CARE-ful eine Software verkauft hat, die alle uniformierten Kinder durch die gesamten Gebäude dauerhaft trackt. Es ist sogar eine Zusatzfunktion verkauft worden, die den Eltern oder Lehrern der Kinder Benachrichtigungen aufs Mobiltelefon sendet, wo sich Schüler wann aufhalten. Davon war niemals die Rede gewesen in Vickys Team, an sowas wollte sie nie mitwirken! Was soll sie jetzt machen?

Fragen

  • Darf man ein Zugangssystem, das ursprünglich für die Nutzung von erwachsenen Patienten entwickelt wurde, einfach zu einem Trackingsystem für Kinder umbauen? Müssten dazu ethische Fragen diskutiert werden? Welche wären das?
  • Hätte sich Vicky neben der Hardware stärker für die Softwareumsetzung interessieren müssen? Warum eigentlich? Was geht sie das an? Kann sie sich darauf zurückziehen, dass sie nur Basis-Technologie entwickelt, die Überwachungsanwendung aber von einem anderen Team entwickelt wird?
  • Ändert es etwas, wenn die Eltern der Kinder diesem Tracking zustimmten? Aber was, wenn nicht alle Eltern und Lehrer zustimmten? Wäre es eine Lösung, das Tracking nur für Eltern zu aktivieren, die das wollen?
  • Die hier erwähnte Monitoring-Technik dient auch der Erinnerung an die Medikamenteneinnahme. Wie berücksichtigt man diese positiven Effekte in einer ethischen Beurteilung der Überwachungstechnik?
  • Ist es vertretbar, dass Vicky sich quasi auf informellem Wege die Informationen dazu besorgte, was das Software-Team erarbeitet hat?
  • Muss Vicky Rücksicht nehmen auf Pfarrer Ferdinand, der das Projekt vermittelte und erbost ist? Ist das ihr Problem?
  • Reicht es, wenn Vicky darauf besteht, dass prozedurale Maßnahmen getroffen werden, die
    die Überwachung nur in begründeten Ausnahmefällen zulässt?
    Was wären solche begründbaren Ausnahmefälle?
  • An wen sollte sich Vicky wenden, um über das Problem zu reden? Ihre Geschäftsführung? Kirchenvertreter? Datenschutzbeauftragter? Die Öffentlichkeit?
  • Vicky führt ein ganzes Team und will eigentlich weiter in der Firma Karriere machen. Darf das ihre Entscheidung beeinflussen?

Erschienen im Informatik Spektrum 41(4), 2018, S. 285-287.

Einen Kommentar schreiben

 

 

 

Diese HTML-Tags können verwendet werden

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>