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Fallbeispiel: Drohnen

Franziska ist Bürgermeisterin einer Kreisstadt mit elftausend Einwohnern. Beim alljährlichen Städtepartnertreffen, zu dem die drei Partnergemeinden aus Frankreich, Polen und Dänemark zum Gedankenaustausch sowie zur Kirmes eingeladen sind, ist das Thema diesmal Kommunalfinanzen. Die vier Bürgermeister diskutieren sinnvolle Maßnahmen, die das gebeutelte Stadtbudget schonen sollen.

Eingeladen ist dazu auch das dänisch-deutsche Unternehmen Dultvej, das moderne Flugdrohnen an Kommunen verkauft. Der eloquente Verkäufer hat mit der dänischen Partnergemeinde Ørslav bereits gute Geschäfte gemacht, denn gleich zwei der autonomen Flieger konnte er dort absetzen. Der dänische Bürgermeister ist hochzufrieden mit seinen Modellen, die nicht einmal zehn Kilogramm wiegen, über eine halbe Stunde in der Luft bleiben und bis zu vierzig Kilometer pro Stunde erreichen können. Damit kann die gesamte Gemeinde abgeflogen werden, ohne einmal zwischenzulanden.

Die Drohnen von Dultvej werden in Kooperation mit der Wilbur-und-Orville-Wright-Akademie in Kopenhagen entwickelt. Dultvej fördert dort mit Hilfe von Stipendien jedes Jahr zusätzlich über achtzig Studenten. Die hergestellten Drohnen basieren ausschließlich auf Open-Source-Software, darunter auch das vollständige Kartenmaterial von OpenAvenue, einer freien Alternative zu kommerziellen Kartenanbietern.

Mit Hilfe der Drohnen hat die dänische Stadtverwaltung hochwertiges Kartenmaterial und Luftaufnahmen erstellt, die sie nun für den eigenen Bedarf und den Weiterverkauf verwenden kann. Beispielsweise wurden die Hausdächer auf ihre Tauglichkeit hinsichtlich der Installation von Solaranlagen vermessen und die Ergebnisse in eine kommunale Datenbank eingetragen. Ørslav vermietet zudem die Drohnen an Nachbarkommunen, die vor allem an der Möglichkeit interessiert sind, Kamerabilder in Echtzeit zu erhalten.

Franziska zeigt sich beeindruckt von den modernen technischen Möglichkeiten, aber auch von den Sparpotentialen der Fluggeräte, die ungleich weniger Energie verbrauchen als beispielsweise Streifenwagen. Selbstverständlich hat der Dultvej-Verkäufer seine Produkte zur Vorführung mitgebracht, der Flug der Drohnen ist das Ereignis auf der diesjährigen Kirmes. Geduldig erklärt er jedes Detail.

Der Enthusiasmus der ersten Tage verfliegt allerdings nach einigen Wochen, als Franziska noch vor Abschluss eines Kaufvertrages von der Gründung einer Bürgerinitiative gegen Drohnen in der Gemeinde hört. Die Lokalpresse berichtet über wachsenden Widerstand. Als ein Blogger aus der Landeshauptstadt das Thema aufgreift und aufdeckt, dass Dultvej auch militärische Drohnen produziert, kippt die Stimmung. Franziska muss eine Anhörung einberufen, um die Gemüter zu beruhigen und für ihre Argumente zu werben.

Die Gegner des Drohnenkaufes entwerfen auf der Anhörung reihenweise Szenarien, in denen die Drohnen über den FKK-Bereich ihres Schwimmbades fliegen oder automatisch die metergenaue Einhaltung der Bauordnung überwachen. Man wolle keine automatischen Spanner in der Luft, keine klaren Luftbilder der eigenen Hinterhöfe. Zudem werden Befürchtungen laut, dass die Gemeindekasse durch den Einsatz der Drohnen auf Kosten der Bürger aufgebessert würde. Das Auffinden von Falschparkern binnen kürzester Zeit oder das Ermitteln steuerlich nicht angemeldeter Hunde seien denkbare Verwendungsmöglichkeiten. Außerdem fragt einer der Bürger, wer eigentlich für den Schaden aufkäme, wenn eine der Drohnen abstürzte.

Der Dultvej-Verkäufer ist solch anfängliche Kritik gewohnt und konnte Franziska vorab problemlos mit guten Beispielen aus anderen Kommunen und vielen Sachargumenten aushelfen, außerdem solle sie betonen, dass man sich an europäische Gesetze halte. Die tatsächlichen Pläne für die Nutzung der Drohnen sollen den fiktiven Szenarien entgegengehalten werden. Auch Dultvejs Engagement in der Forschung und Entwicklung sowie für freie Software und freie Lizenzen soll bei den Ausführungen betont werden.

Franziska erklärt die Vorteile der Drohnen, gibt bei der Bürgeranhörung aber auch zu bedenken: „Ja, es ist eine gute Gelegenheit, ein Auge auf unsere Nachbarschaften zu werfen. Sie wissen ja, dass aufgrund der Sparzwänge jetzt weniger Polizisten Streife fahren können. Verstehen Sie das Auge bitte als ein fürsorgliches, denn es schreckt ja Diebe von vornherein ab. Die Fluggeräte kommen nur dort zum Einsatz, wo auch Polizisten aus Fleisch und Blut Streife fahren würden. Wir sind hier schließlich nicht in einer Großstadt, es sind unsere Nachbarskinder, die wir beschützen wollen!“

Zudem würden ausschließlich Polizeibeamte die Aufzeichnungen sichten, es mache also überhaupt keinen Unterschied, ob die nun in persona auf Streife gehen – oder eben virtuell. „Denken Sie auch an die Kohlendioxid-Einsparungen, wenn die Fahrten mit den Dienstautos wegfallen. Die Kameradaten werden direkt in die Polizeistation übertragen und nur bei einem konkreten Anhaltspunkt gespeichert, es handelt sich also um eine Verbesserung für unsere Stadt in jeder Hinsicht.“

Fragen:

  • Welche ethischen Probleme sehen Sie beim Einsatz autonomer Drohnen im zivilen Bereich?
  • Besteht ein Unterschied darin, ob Polizisten selbst auf Streife gehen oder in Vertretung eine Drohne fernsteuern? Wie sieht es aus, wenn die Drohne autonom anhand einiger Zielmarken fliegt?
  • Angenommen, bei einem der täglichen Einsätze würde eine außer Kontrolle geratene Drohne abstürzen. Wer wäre für einen Schaden verantwortlich – ist es die Gemeinde als Käufer und Betreiber, der Hersteller, sind es die technischen Entwickler? Dabei ist nicht die Verantwortung im juristischen Sinne gemeint.
  • Ist die Förderung der studentischen Ausbildung durch den Hersteller der Drohnen vor dem Hintergrund einer militärischen Verwendung vertretbar?
  • Macht es einen Unterschied, ob die durch die Drohnen gesammelten Daten permanent gespeichert oder nur live oder kurz nach der Aufnahme mitverfolgt werden, nicht aber für lange Zeit festgehalten werden?
  • Macht es hinsichtlich der Vertretbarkeit des Einsatzes von Drohnen einen Unterschied, wenn beispielsweise die Gesichter aufgenommener Passanten von einer Software automatisch verpixelt würden?

Erschienen in Informatik-Spektrum 34(2), 2011, S. 226–228

5 Kommentare zu Fallbeispiel: Drohnen

  • Tex

    …und macht es einen Unterschied, wenn die beobachtenden/auswertenden Personen den Namen/Ort der Aufnahmen nicht kennen/wissen, ihre Bewertung an Dritte weitergehen, die entscheiden, ob eine Weitergabe/Alarmierung der lokalen Bürokratie angebracht ist? (auch diesen müsste nicht bekannt sein, wo die Aufnahmen gemacht wurden)…

    immer diese Details… Vertrauen ist gut, Nachprüfen ist… TEUER !!

    —Tex

    • stefan

      Die Frage nach den »Details«, also der möglichen De-Kontextualisierung, ist in der Tat spannend. Schließlich gewinnt man eine Information auch aus der Tatsache, dass die Aufnahmen zu einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort gemacht worden sind. Ein Fackelzug am Martinstag an einem See ist weit harmloser als einer zwei Tage zuvor vor einem Vereinsheim. Ich glaube nicht, dass das ein rein finanziell lösbares Problem ist.

  • geospector

    Trotz allem kann mann Drohnen auch sinnvoll einsetzen !

  • […] 2011  – Fallbeispiel: Drohnen, Constanze Kurz, Tobias Preuss, Stefan […]

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