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Fallbeispiel: Planungen

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Michaela arbeitet in der örtlichen Polizeidienststelle vom Neustatt. Auf Grund der sinkenden Steuereinnahmen und Kürzungen der Zuschüsse des Bundeslandes, stehen in den kommenden Jahren deutlich weniger finanzielle Mittel für die Polizeiarbeit zur Verfügung. Die natürlichen Abgänge durch Pensionierungen werden wohl nicht ersetzt werden können. Insbesondere die Polizeipräsenz in der Stadt muss neu organisiert werden. Dies stellt ein großes Problem dar, da Kleinkriminalität, Diebstähle und Einbrüche in den letzten Monaten stark zugenommen haben. Nachdem einige Touristen beraubt wurden, die das bekannte Stadtzentrum und das Museum für moderne Kunst besucht haben, machen Fremdenverkehrsverein und Hotel- und Gaststättengewerbe zusätzlichen Druck auf die Polizeiabteilung und fordern eine Erhöhung der Polizeipräsenz.

Michaelas Freundin Sandra ist in einem interdisziplinären Forschungsprojekt beteiligt, in dem es darum geht, Methoden des Data Mining und der Künstlichen Intelligenz mit Erkenntnissen der Soziologie zu verbinden, um einen neuen Ansatz der Stadtentwicklung zu entwickeln. Die aktuellen Ergebnisse legen nahe, dass der entwickelte Prototyp verbesserte Prognosen über zu erwartende kriminelle Aktivitäten in bestimmten Gebieten erstellen kann. Daher wurde vorgeschlagen, in der nun beginnenden zweiten Projektphase einige Gemeinden einzubeziehen, um diese Annahme mit Hilfe detaillierter, wenn auch anonymisierter, Informationen zur Kriminalität sowie zu Tätern überprüfen zu können.

Michaela vereinbart für einen gemeinsamen Termin mit Sandra beim Bürgermeister. Dieser hört Sandra sehr aufmerksam zu und ist an einer Zusammenarbeit im Rahmen des Projektes interessiert. Er lädt Sandra zur nächsten Gemeinderatssitzung ein. Nach Sandras Vortrag beginnt eine engagierte Diskussion. Einige Gemeinderatsmitglieder melden Bedenken in Bezug auf den Datenschutz an. Sandra erläutert die Maßnahmen, die zur Anonymisierung und zum Schutz personenbezogener Daten ergriffen werden. Peter wendet ein, dass Personen, die zu kleinen Gruppen gehören, dennoch praktisch identifizierbar wären.  Daraufhin meldet sich Anton zu Wort: Gerade im Zusammenhang mit Kriminalität gäbe es verschiedene Faktoren, die häufig zusammenkommen, wie z.B. Armut, Arbeitslosigkeit, Ausbildung, etc. Er habe gehört, dass der am Projekt beteiligte Soziologieprofessor sich sehr stark auf die ethnische Herkunft bezieht und andere Faktoren gar nicht in die Untersuchungen einbezieht – das sei diskriminierend. Werner, Inhaber eines großen Gastronomiebetriebs, wirft dagegen ein, dass es wichtig ist, die Polizei sinnvoll einzusetzen und die Menschen und Betriebe vor der zunehmenden Kriminalität zu schützen.

Michaela ist verwirrt: sie sieht das Potential des Ansatzes, um die Ressourcen der Polizei sinnvoll einzusetzen. Allerdings versteht sie auch die Bedenken. Aber werden wir in unserer Gesellschaft nicht immer schon, und seit der elektronischen Auswertung von Datensätzen immer mehr, bestimmten Kategorien zugeordnet? Letztens wurden ihre Autoversicherungsbeiträge wieder erhöht, weil ihre Kategorie der Versicherten vermehrt Unfälle hatte. Das ist doch auch unfair…

Fragen

  • Wie stark ist das Problem, Menschen in Kategorien einzuteilen, in unserer Gesellschaft wirklich? Wurde es durch die Informatik verstärkt?
  • Sollte es Gemeinden erlaubt sein, sensible personenbezogene Daten anonymisiert für Forschungsprojekte herauszugeben? Welche ethischen Probleme könnten sich hierbei ergeben? Wie sehr vertrauen Sie Methoden der Anonymisierung von Daten?
  • Die Einsatzplanung von verstärkter Polizeipräsenz in bestimmten Gebieten kann dem Schutz der Bevölkerung vor Verbrechen dienen. Kommt sie aber gleichzeitig einer gewissen Vorverurteilung der Menschen in diesen Gebieten gleich? Wann ist eine solche gerechtfertigt?
  • Sollte das Forschungsprojekt und der Prototyp abgelehnt werden, weil eine beteiligte Person zweifelhafte Kriterien für die Klassifizierung verwendet?
  • Die Auswahl relevanter Variablen für die Analyse ist von zentraler Bedeutung. Wie kann man sicherstellen, sich hierbei nicht durch Vorurteile leiten zu lassen?
  • Wie kann verhindert werden, dass aus Korrelationen plötzlich ursächliche Zusammenhänge hergestellt werden? Wie groß ist die Gefahr im Zusammenhang mit der Analyse von personenbezogenen Daten?

Erschienen im Informatik-Spektrum 35(3), 2012, S. 236–237

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